Die Kunst zu Leben – die Kunst zu sterben
Die Seelsorgenden der Kirchen in Rorschach und Goldach boten Trauernden 2025 dreimal Raum für Begegnung: beim gemeinsamen Abendessen im Frühjahr, einem Sommer-Spaziergang mit Apéro und einem abschliessenden Vortrag Ende Oktober von Pfarrerin Ute Latuski (Leiterin der Fachstelle „Begleitung in der letzten Lebensphase“) im reformierten Kirchgemeindehaus Goldach.
* Text & Bild: Werner Nef
Eine der ersten Erfahrungen, die Ute Latuski in der Begleitung trauernder Menschen gesammelt hat, ist, dass die Menschen seit dem Mittelalter sehr ungern über den Tod sprechen. Dabei sind Gespräche sowohl für die Sterbenden selbst als auch für ihre Angehörigen sehr wichtig. Der Philosoph Martin Heidegger meinte: „Wenn uns bewusst ist, dass wir sterben, können wir klug werden.“ Auch der junge Mozart zeigte immer wieder, dass ihm das Sterben stets bewusst war. Im Spätmittelalter waren Darstellungen des sogenannten Totentanzes – Begegnungen zwischen Sterbenden und dem Tod – weit verbreitet. Oft behindern darauf Dämonen die Menschen durch Hochmut und Eitelkeit, während göttliche Wesen durch Demut und Liebe den Gefallen Gottes verdienen. Berühmt sind auch die Ansichten des bekannten Mönchs Notker aus dem Kloster St. Gallen sowie die Hungertafel aus Lichtensteig. Im Mittelalter waren die Menschen vom Tod umfangen und fürchteten das Sterben, weil sie das „Jüngste Gericht“ scheuten; denn Jesus galt damals als strenger Richter, vor dem man Angst hatte. Deshalb wandte man sich gerne der Schutzmantelmadonna, Maria, der Mutter Jesu, zu und suchte bei ihr Trost und Fürsprache. Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren Beerdigungen eine Angelegenheit der gesamten Bevölkerung: Die meisten Menschen verstarben zu Hause, wo sie bis zur Beerdigung aufgebahrt blieben. Am Leichenzug vom Wohnhaus zum Friedhof nahm die Bevölkerung Anteil und erwies dem Verstorbenen die letzte Ehre.
Bei einer kurzen Diskussion wurden persönliche Erinnerungen an alte Traditionen wachgerufen, die den älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch gut präsent waren.
Im Teil über den Tod in der Kunst lernten wir, wie die beiden leidgeprüften Maler Edvard Munch und Ferdinand Hodler mit der Trauer umgingen und ihre Bilder entsprechend gestalteten.
Im Abschnitt „Tod der Moderne“ zeigte sich, dass wir Schweizerinnen und Schweizer eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit haben. Im Gegensatz zu früher fürchten wir heute nicht mehr das Jenseits – viele glauben ohnehin nicht mehr daran –, sondern haben Angst, im Leben etwas verpassen zu können. Wir sind einfach zu beschäftigt, um uns mit dem Tod auseinanderzusetzen. Unsere Angst verbergen wir lieber: als coole Halloween-Partygäste, auf Rockfestivals mit Totenkopf-T-Shirt oder sogar mit einem entsprechenden Tattoo auf der Brust. Durch die moderne Medizin kommt der Tod heute meist nicht mehr so plötzlich wie der „Sensemann“, der einst den Lebensnerv durchtrennte; vielmehr wird unser Leben Stück für Stück zerschnitten. Die Trauerzüge sind verschwunden. Auf dem Friedhof nehmen oft nur noch die engsten Familienangehörigen Abschied. Entferntere Verwandte, Freunde und Bekannte bleiben aussen vor. Erdbestattungen sind der Kremation gewichen, und statt im eigenen Grab wird man im Gemeinschaftsgrab, auf dem See, im Wald oder zu Hause auf der Wohnwand beigesetzt. Für einen Grabbesuch bleibt nur wenig Spielraum.
Um sich Gedanken über den eigenen Tod zu machen, stellt die Pfarrerin gerne eine Tafel mit der Überschrift „Bevor ich sterbe, möchte ich …“ auf. Sehr aufschlussreich ist, welche Wünsche dort erscheinen und was sie über die Lebensansichten verraten. Da werden Reiseziele genannt, der Wunsch nach Erfolg oder schlicht der Wunsch, noch Oma oder Opa zu werden. So stellt sich die Frage: „Was ist wichtig im Leben?“ Deutlich wird, dass das Gefühl, im Leben nichts zu verpassen, für viele das sehnsüchtigste Lebensziel ist.
Nach einer Pause mit Apéro ging es noch kurz um die Frage, wo man bestattet werden möchte. Die Pfarrerin plädierte für eine Bestattung, an der alle teilhaben und Abschied nehmen können. Nach einer kurzen Diskussion sprach Pfarrerin Angelica Grewe ein Schlusswort. Ute Latuski dankten die rund 30 Teilnehmer mit einem herzlichen Applaus. Über die Frage: „Was ist mir wichtig im Leben?“ haben bestimmt viele auf dem Heimweg oder im stillen Kämmerlein nochmals nachgedacht – über den Tod und seine Folgen und vielleicht sogar über die eine oder andere eigene Haltung.