Wiborada – eine Frau rückt wieder ins Bewusstsein
Wer war Wiborada, die erste von der katholischen Kirche heiliggesprochene Frau? Eine Gruppe von 18 Teilnehmenden begab sich Ende Februar auf Spurensuche – von der Wanderausstellung in der Reformierten Kirche Rorschach bis zu historischen Orten in St. Gallen.
* Text von Werner Höhn *
Wann haben Sie zum ersten Mal etwas von Wiborada gehört?
Wer war diese Frau? Welche Bedeutung hatte sie – und welche Bedeutung hat sie heute? Wie war ihr Leben?
Eine kleine Wanderausstellung ist z. Z. in der Reformierten Kirche in Rorschach zu sehen. Auf sieben grossen Tafeln werden wichtige Stationen aus Wiboradas Leben erklärt, ergänzt durch eine Hörstation.
Passend dazu haben Esther und Patrick Marchlewitz am 28. Februar einen Einstieg zum Thema im „Gleis K“ und eine Führung in St. Gallen organisiert, an welcher 18 Personen teilnahmen.
Schon beim Lesen der Tafeln und beim Ausfüllen des Fragebogens entstand eine angeregte Diskussion unter den Teilnehmenden. Diese setzte sich auch beim feinen Mittagessen, offeriert und kreiert von unserem Pfarrer-Ehepaar, fort.
Gleich bei der ersten Frage – „Was ist eine Inklusin?“ – merkten wir, dass man hier genauer auf die geschichtliche Bedeutung eingehen musste. Da reichte die Antwort nicht aus, dass sich Wiborada in einem kleinen Raum freiwillig einmauern liess. Dieser war an die Kirche St. Mangen angebaut und nur durch ein kleines Fenster zum Kirchenaltar sowie ein Fenster zur Aussenwelt verbunden. Schon kamen die nächsten Fragen: Warum tat sie das? Wie war das gesellschaftliche Umfeld? Aus welchem Gesellschaftskreis stammte sie selbst? Wie war ihr Leben in dieser Zelle? Welche Bedeutung hatte sie in dieser Zeit? Warum wurde sie als erste Frau überhaupt von der katholischen Kirche heiliggesprochen? Fragen über Fragen reihten sich aneinander.
Doch zuerst zum weiteren Ablauf dieser Exkursion. Nach dem Essen fuhren wir nach St. Gallen und konnten dort, geführt von Monika Eigenmann, den Spuren von Wiborada folgen. Zuerst schauten wir uns in der Kathedrale die neu eröffnete Kunstausstellung über Wiborada an, bevor wir uns auf den Weg nach St. Georgen machten. Dabei erfuhren wir ganz nebenbei auch interessante Details über dieses Quartier.
Aus dem Textbuch des Projektteams „Wiborada 2021–2026“ entnehme ich unter anderem, dass Wiborada ihren Bruder Hitto, der später Mönch und Pfarrer in St. Mangen wurde, zu einer gemeinsamen Reise nach Rom gedrängt hatte. Bekannt ist auch, dass sie sich in St. Gallen der Kranken und Bedürftigen annahm. Wiborada war in einem bildungsnahen, gehobenen Umfeld aufgewachsen. Frauen in dieser Zeit hatten jedoch kaum Möglichkeiten, sich frei zu entfalten. Wollten sie sich nicht einem Mann unterwerfen, konnten sie nur ins Kloster eintreten. So stand dieser willensstarken, freiheitsliebenden Frau nur die Möglichkeit offen, als Inklusin zu leben, wenn sie unabhängig ihre Spiritualität leben und ihren göttlichen Auftrag umsetzen wollte.
So führte uns unsere Wanderung zuerst nach St. Georgen, wo ihr Bischof Salomo III. eine vierjährige Probezeit in einer Zelle verordnet hatte, bevor sie sich als Inklusin bei St. Mangen einmauern lassen durfte. Wir besuchten die Wiborada-Kapelle in der Kirche St. Georgen und bestaunten das Wandfresko von Ferdinand Gehr.
Dass sich gleich gegenüber der Kapelle am „Schokoladenweg“ die ältesten Häuser von St. Georgen befinden, sei nur am Rande erwähnt. Auch wenig oberhalb im Steinachtal sieht man noch die ehemaligen Fabrikgebäude von Maestrani.
Mit dem Bus fuhren wir nun zum Marktplatz und stiegen über die Wiboradatreppe hinauf zur Kirche St. Mangen, wo noch dieses Jahr ein hölzerner Anbau steht – symbolisch für die Klause, in der Wiborada wirkte. Von zwei Dienerinnen wurde sie mit dem Allernötigsten versorgt. Hier betete sie, lernte Psalmen auswendig und beriet die Menschen, die zu ihr kamen. Auch sagte sie den Überfall der Ungarn voraus, sodass die Menschen rechtzeitig aus der Stadt St. Gallen fliehen konnten und die Mönche die Bücher der Klosterbibliothek sowie den Kirchenschatz in Sicherheit bringen konnten. Hier erwartete sie am 1. Mai 926 die Feinde, welche sie in der Zelle umbrachten.
Wiborada („Weiberrat“) – eine kompromisslose, mutige, sich der Wahrheit verpflichtete Frau mit tiefer Gottesfürchtigkeit – beeindruckt auch heute noch. Es ist erstaunlich, dass ihre Geschichte erst in den letzten Jahren wieder vermehrt ins Bewusstsein der Menschen gerückt ist – 1100 Jahre nach ihrem Tod. Möge ihr Mut auch heute noch viele Frauen im Kampf um Gerechtigkeit beflügeln, frei nach dem Satz:
„Wenn die Sehnsucht grösser ist als die Angst, wird Mut geboren.“
Ich danke dem Pfarrer-Ehepaar Esther und Patrick Marchlewitz für die Organisation und Durchführung dieses spannenden Tages.