Abschied für immer, Besuch beim Bestatter
In der Reihe „Leben Gestalten – Abschiede sind Teil unseres Lebens“ besuchte die evangelisch-reformierte Kirche Rorschach vor den Sommerferien Michele Bagorda, Inhaber der Keller Bestattungen GmbH in Rorschach. Der Besuch beim Bestatter gliederte sich in drei Teile. Nach dem Treffpunkt im Lager an der Industriestrasse zogen die Teilnehmer an den Sonnenweg zum Hauptsitz der Firma. Anschliessend traf man sich im Evangelischen Kirchgemeinde Zentrum EKZ zum gegenseitigen Gedankenaustausch.
* Text & Bild von Werner Nef *
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Gegen 30 Teilnehmer folgten der Einladung von Pfarrer Patrick Marchlewitz, um einen Einblick in die Tätigkeit und Aufgaben eines Bestatters zu erhalten. Michele Bagorda begrüsste uns in seinem Lager und Arbeitsbereich seiner Firma an der Industriestrasse. Ein kurzer Überblick in die Firmageschichte zeigte, dass Johann Keller als Fuhrmann 1948 ein Bestattungsunternehmen gründete, das bis 2012 in zweiter Generation durch Richard Keller geführt wurde. Sein damaliger Mitarbeiter Michele Bagorda verlötete schon ab 1988 als Mitglied des Italienischen Blutspendevereins St.Gallen Zinksärge für die Rückführung verstorbener Mitglieder in die Heimat. Mangels Fahrer musste 1995 dieser Dienst eingestellt werden. Darauf gründete er die Firma „Bagorda Internationale Bestattungen“ und tätigte für verschiedene Gemeinden Über- und Rückführungen ins Ausland. 2004 liess sich Bagorda zum Bestatter mit eidg. Fachausweis ausbilden und wurde ein Jahr später Ausbilder und Prüfungsexperte beim Schweizerischen Verband der Bestattungsdienste. 2012 übernahm er die Neugründung der „Keller Bestattungen GmbH“ mit Sitz in Rorschach und nur zwei Jahre später integrierte er die Bestattungsdienste von Alois Thür in Altstätten in seine Firma. Heute betreut das Unternehmen 19 Gemeinden zwischen Rüti und Steinach und organisiert jährlich rund 900 Bestattungen. Neben ihm arbeiten auch seine Frau Antonella und die Tochter Tanja, beide ebenfalls mit eidg. Fachausweis, sowie ein Fachangestellter und sechs Aushilfskräfte im Geschäft. Nebenbei präsidiert der Rorschacher Bestatter auch den Regionalverband der Ostschweizer Bestatter.
Bestatter ist alles andere als ein langweiliger Beruf. Jeder Todesfall ist anders und die Hinterblieben reagieren verschieden. So verlangt diese Tätigkeit vor allem ein sehr grosses Einfühlungsvermögen, denn die Kunden sind meist in tiefer Trauer und oft sogar unter Schock, wenn sie seine Dienste in Anspruch nehmen. Ausserdem müssen stets zwei Bestatter 24 Stunden an 365 Tage pro Jahr einsatzbereit sein. Oft werden sie auch nachts gerufen, denn rund zehn Prozent ihrer Einsätze gelten sogenannten „aussergewöhnliche Todesfälle“ wie Unfälle, Suizid oder Verbrechen. Eine der Hauptaufgaben ist es, die Leichen so herzurichten, dass sie für die Hinterbliebenen einen möglichst angenehmen Eindruck hinterlassen. Gelingt dies dem Bestatter, ist das eine Befriedigung für ihn. Besonders unangenehm sind Leichen, die schon länger tot sind und der Verwesungsgeruch sich sehr ausgeprägt bemerkbar macht. Auch die Bergung eines Verstorbenen kann grosse Schwierigkeiten bereiten, vor allem wenn die Platzverhältnisse, wie sie in alten Häusern oft vorkommen, prekär sind.
Erstaunt waren die Besucher über das grosse Sarglager. Allein in Rorschach sind 220 bis 250 Särge auf Lager, damit man bei einer Pandamie oder Katastrophe nicht so schnell in Verlegenheit kommt. Särge gibt es nicht nur in verschiedenen Preisklassen und Ausstattungen, sondern auch in diversen Grössen. Es gibt Särge für Kinder oder solche für besonders grosse Menschen bis über zwei Meter Länge, aber auch speziell breite für ausserordentlich schwere Verstorbene. Die Särge werden heute nicht mehr vom „Sargschreiner“ wie früher in jeder Gemeinde selber hergestellt, sondern von zwei Schweizer Sargfabriken bezogen. Für Überführungen ins Ausland sind nach wie vor Zinksärge erforderlich, die verlötet werden müssen. Zum Schluss zeigte uns Bagorda noch eines seiner drei Leichenautos. Das sind heute kaum noch auffallende, aber sehr gut eingerichtete Fahrzeuge, die den Ein- und Auslad der Särge erleichtern.
Ein kurzer Marsch brachte die Teilnehmer bei strömendem Regen an den Sonnenweg zum Sitz der Firma. Hier werden die Hinterbliebenen empfangen und beraten. Eine Ausstellung zeigt in gediegener Aufmachung die diversen Särge und Zubehöre wie Kreuze, Innenausstattungen, Urnen usw. Der Bestatter erklärte, dass heute 90 Prozent der Bestattungen durch Kremation erfolgen. Das gibt den Hinterbliebenen mehr Zeit, für eine würdige Beerdigung, weil die Asche nicht sofort bestattet werden muss. Auch andere Orte ausserhalb des Friedhofs sind möglich. Der Bestatter legt sehr grossen Wert auf einen gebührenden Abschied. Als Italiener liegt es ihm am Herzen, mit seinen Angehörigen in einem guten Verhältnis in die andere Welt hinüber zu gehen. Ihn schmerzt es, wenn Hinterbliebene geringschätzig über einen Verstorben sprechen oder sich besonders abweisend oder gar kleinlich ihm gegenüber verhalten. Verpasste Gelegenheiten kann man später meistens nicht mehr nachholen ist Bagordas Devise, dabei geht es ihm nicht in erster Linie ums Geld, denn die Grundausstattung einer Beerdigung wird von den Gemeinden bezahlt, die für eine würdige Bestattung ihrer Einwohner zuständig sind.
Für den Rorschacher Bestatter ist es sehr wichtig, dass sich seine Mitarbeiter wohl fühlen. Deshalb hat er stets ein offenes Ohr für sie. Bei dieser ausserordentlichen Tätigkeit ist es für alle notwendig, dass sie über das Erlebte miteinander sprechen können und dass sie auch genügend Erholung in der Freizeit finden. Nur wenn man jeden Tag geniesst und nichts auf die „lange Bank“ schiebt, findet man genügend Kraft, um sich für die nächsten Einsätze wieder fit zu fühlen“, fügt Bagorda hinzu.
Anschliessend begaben sich alle ins EKZ, wo bereits belegte Meterbrote auf die Teilnehmer warteten. Sofort kam eine rege Diskussion über das Thema Tod und Bestattung in Gang. Patrick Marchlewitz stellte zu Beginn noch einige persönliche Fragen an unseren Gastgeber. So vernahmen wir, dass er schon als Kind durch einen tragischen Autounfall eines Spielkameraden mit dem Tod konfrontiert wurde. Bagorda hat auch keine Angst vor seinem eigenen Tod, denn als Christ glaubt er an ein Weiterleben. Seine umfangreiche Lebenserfahrung im Zusammenhang mit dem Sterben machte aus ihm keinen Freund von Exit, lehnt es aber nach all dem Leid, das er schon erlebt hat auch nicht grundlegend ab. Sein Wunsch an alle, sich möglichst früh mit dem Tod zu befassen und mit den Liebsten über seine Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. So kann die Bestattung nach seinem eigenen Willen erfolgen. Das entlastete die Angehörigen, wenn es so weit ist.
Zum Schluss bedanke sich Michele Bagorda bei uns für unser Interesse und Pfarrer Marchlewitz danke ihm für den sehr aufschlussreichen und Interessanten Abend. Alle waren sich einig, dass wir in Rorschach von einem sehr fähigen und kompetenten Bestatter betreut werden, der sich um unsere Verstorbenen und seine Hinterbliebenen würdevoll und professionell kümmert.