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Esther Marchlewitz

Unsere Kirchgemeinde als Ausbildungsort

training-1580143_1280 (Foto: Esther Marchlewitz)

Ein Interview von Paul Etter mit unserer Sozialdiakonin a. A. Dela Fuchs, unserer EPSlerin Nadja Probst und Pfarrerin Esther Marchlewitz
Esther Marchlewitz,
In einer Zeit des Fachkräftemangels ist es auch Aufgabe der Kirche, sich um die Ausbildung und Rekrutierung der verschiedenen kirchlichen Berufe zu kümmern. Ausbildung sichert die Kontinuität der kirchlichen Arbeit. Gleichzeitig bringt der Nachwuchs neue Ideen und Perspektiven in die Gemeinden.

Auszubildende zu gewinnen bedeutet aber nicht nur, sie einzustellen. Ebenso wichtig ist es, sich Zeit für die Auszubildenden zu nehmen.
In einem Interview wollen wir klären, was das für unsere Kirchengemeinde und für die Auszubildenden bringen kann.



Esther, warum ist Mitarbeiterförderung in unserer Gemeinde und allgemein so wichtig ist?
Momentan ist eines der brennenden Probleme in der Schweizer Evangelischen Kirche der Fachkräftemangel. Pfarrpersonen, SozialdiakonInnen und Jugendarbeiter, aber auch Mesmerinnen und Kirchenmusiker sind zunehmend Mangelwahre. Und ohne gutes Personal können die Kirchen schwerlich gute Arbeit machen. Deshalb ist es mir so wichtig, dass wir ausbilden.

Es ist sicher grossartig, dass eure Kirche junge Leute ausbildet. Aber woher nimmst du dir die Zeit, wenn du mit dem Abgang von Pius schon viel mehr Arbeit hast?
Ja, die Betreuung einer Praktikantin oder eines Vikars kosten Zeit. Aber sie bringen auch etwas: Neue Perspektiven auf die Kirchgemeinde, Impulse für unser Gemeindeleben. Und dann ist es auch so, dass ein Auszubildender, wie in anderen Betrieben ja auch, ab einem gewissen Punkt auch entlastet. Er oder sie kann dann ja für eine Zeit Aufgaben übernehmen, die sonst meine wären. Ich denke, dass gleicht sich im Gesamten schon aus.

Wenn man in der Industrie junge Kräfte ausbildet, so ist man immer wieder gefordert sich auf dem Laufenden der Technik zu halten wie ist es in der Kirche?
Als Pfarrerinnen und Pfarrer sind wir grundsätzlich verpflichtet, uns jedes Jahr weiterzubilden. Mit den Auszubildenden kommt neues universitäres Wissen in die Gemeinde und das hilft auch uns. Neue Sichtweisen und Meinungen sind auch in der Gemeinde gefragt.



Nadja, viele Leute wissen gar nicht, was eine EPSlerin ist - kannst du das erklären?
Eigentlich ist es eine Art «Schnupperlehre» für den Pfarrberuf. Man bekommt einen Einblick in die Aufgaben, die einen im späteren Berufsleben erwarten. Außerdem bietet es die Möglichkeit, die eigene Wirkung und die persönlichen Fähigkeiten besser einzuschätzen: Wie fühle ich mich im Gespräch mit Menschen, die mir von ihrem Leben erzählen? Wie fühle ich mich, wenn ich vor Publikum spreche? Wie fühle ich mich beim Unterrichten von Schülern?

Nadja, in welchem Beruf hast du deinen Lebensunterhalt verdient, bevor du die Entscheidung für einen Neuanfang getroffen hast?
Ich bin gelernte Keramikmalerin, aber leider gibt es in diesem Beruf keine Anstellung, so dass ich gezwungen war, in verschiedenen Arbeitswelten zu arbeiten. Neben den praktischen Berufen war ich auch bei Pro Senectute angestellt und habe als Religionslehrerin gearbeitet.

Kannst du auch etwas über deinen Werdegang erzählen?
Ich bin in einem feministischen, aber auch gläubigen Elternhaus aufgewachsen, habe meine Kinder und die meines Partners grossgezogen und bin auf der Suche nach einem neuen Lebensabschnitt. Ein Studium in meinem Alter ist nicht einfach, weder zeitlich noch finanziell, und ich hätte fast aufgegeben. Dank eines grosszügigen Stipendiums konnte ich mein Masterstudium in Theologie abschließen.

Nadja, du arbeitest seit drei Monate bei uns, welche Erkenntnisse oder auch Antworten hast du für deinen beruflichen Werdegang gefunden?
Ich habe eigentlich genau das gefunden, was ich mir erhofft hatte, und ich weiss, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber ich gehe nun weiter und vertraue darauf, dass Gott für mich einen Platz vorgesehen hat. Ob das im Pfarramt ist: keine Ahnung.



Dela, du hast vor Beginn deiner Ausbildung schon seit zwei Jahren als sozialdiakonische Mitarbeiterin bei uns gearbeitet. Wo konntest du dich einbringen?
Bevor ich meine Ausbildung begann, war ich bereits einige Zeit schon beim Sozialdienst der Kirchgemeinde angestellt. Neben den Sozialberatungen war ich an der Organisation der Lebensmittelausgabe beteiligt und engagierte mich in verschiedenen sozialen Netzwerken und Vereinen in der Region.
Seit Beginn meiner Ausbildung sind weitere Aufgaben hinzugekommen: die Miniarche Kinderbetreuung, das Eltern-Kind-Café und der Besuchsdienst im Altersheim Rorschach. Zudem trage ich die Verantwortung zu weiteren sozialen Projekten wie "Mit Suppe helfen" und "Brot für alle".
In all diesen Bereichen arbeite ich mit vielen verschiedenen Menschen zusammen, darunter Armutsbetroffene, Randständige, Menschen mit Migrationshintergrund sowie Einheimische und Freiwillige, die uns bei unseren Angeboten tatkräftig unterstützen. Diese Vielfalt an Erfahrungen hatte ich bereits vor meinem Studium.

Sozialdiakonin ist ein sehr breites Berufsfeld, wo siehst du deinen Schwerpunkt oder deine Stärke?
Diakonie bedeutet praktisch ausgeübte Nächstenliebe und ist eine zentrale Aufgabe der Kirche. Täglich begegne ich Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, an oder unter der Armutsgrenze leben und dies in ihrem Alltag schmerzlich erfahren. Oft erlebe ich, dass diese Belastung für sie zu gross ist und sie ohne fremde Unterstützung kaum bewältigen können.
Ihre Themen und Schwierigkeiten sind mir nur allzu vertraut. Als alleinerziehende Frau mit Migrationshintergrund habe ich selbst im Leben viele Herausforderungen gemeistert. Doch ich habe erkannt, dass sich aus jedem Mangel und jeder Schwäche eine Stärke entwickeln lässt. Diese Erkenntnis versuche ich meinen Klienten, unabhängig von ihrem Hintergrund, zu vermitteln.
Ich kann nicht in jeder Situation etwas bewirken, aber ich höre zu, versuche zu verstehen und suche gemeinsam mit ihnen nach guten Lösungen.
 
Hast du die Arbeit in unserer Kirche gefunden, die du erwartet hast?
Oh, ich habe viel mehr gefunden als das. Neben der Arbeit, die ich vom Herzen gerne ausübe, habe ich viele wunderbare Menschen kennengelernt, ein gut eingespieltes und hilfsbereites Team und eine sehr motivierte und lebendige Kirchgemeinde. Für all das bin ich sehr dankbar.
Und Aufgaben gibt es genug, wenn man mit offenen Augen, aber vor allem mit offenen Herzen unterwegs ist.

Dela, warum hast du dich für eine Ausbildung in kirchlicher Sozialarbeit entschieden, die politischen Gemeinden bieten doch auch eine solche Ausbildung an?
Ja, das stimmt. Ich war lange unsicher, welchen Weg ich einschlagen möchte. Zuvor war ich mehrere Jahre beim Sozialamt Wittenbach im Asylbereich angestellt und habe parallel eng mit der örtlichen evangelischen Kirchgemeinde zusammengearbeitet. So hatte ich Einblick sowohl in die kirchliche als auch in die staatliche Sozialarbeit.
Die politischen Gemeinden haben den Auftrag, das Existenzminimum zu sichern – nicht mehr. Wir in der Kirche hingegen dürfen den Menschen ganzheitlich begegnen und haben die Möglichkeit, viel mehr auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen. Wir dürfen den Menschen Liebe weitergeben, das Sozialamt nicht.
Bereitgestellt: 18.07.2024     Besuche: 11 Monat