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Rebekka Vollenweider

Protestantische Mystik – gibt es sie?

Bericht Mystiker - Teil 1 (Foto: Rebekka Vollenweider)

In einer vierteiligen Reihe möchte ich diesen Sommer ihnen ein ganz spezielles Thema der evangelisch-protestantischen Kirche etwas näher vorstellen. Protestantische Mystik – gibt es die wirklich. Mystiker sind doch nur etwas für die katholische Kirche. Stimmt das? Leider wurde bei der Reformation dieses Kapitel total vernachlässigt. Mystiker sind sehr wichtige Vorbilder und Lehrmeister des christlichen Glaubens.
* Text von Werner Nef *

--> Doch was ist der Unterschied zwischen einem Mystiker und einem Heiligen, wie sie die katholische Kirche kennt. <--

Beides sind Menschen, die sich intensiv mit Gott befassen und ihr Leben ganz in seinen Dienst stellen. Sie sind bereit zu verzichten und für ihren Glauben zu leiden, um der Liebe zu Gott näher und so direkt mit ihm ins geistliche Gespräch zu kommen. Sie sind meistens Lehrer des inneren Lebens und die grossen Liebenden, denen Gott seine Geheimnisse offenbart. Diese ewige Weisheit richtet sich hauptsächlich an jene Menschen, die aufrichtig nach dem Ewigkeitsgrund suchen, weil sie sich in den Kirchen heimatlos vorkommen und sich von den heutigen Gottesdiensten nicht mehr angesprochen fühlen.

Heilige werden von der katholischen Kirche verehrt und beinahe Jesus gleichgesetzt. Viele Heilige werden einfach vom Volk als „Volksheilige“ verehrt, bei anderen geht ein langer Kanonisationsprozess der Heiligsprechung durch den Papst voran. Maler stellen sie mit einem heiligen Schein über ihrem Haupt dar und Feiertage erinnern an ihren Namen und ihr Wirken. Dieser Personenkult wurde von der Reformation abgelehnt. Mystiker hingegen haben durch ihre Erkenntnisse und Erleuchtungen auch Missstände in der Kirche aufgedeckt, was sie dazu bewog, sich oft gegen die Kleriker und den Papst zu wehren. Dies veranlasste die Kirche wiederum, sie als Ketzer zu verurteilen. Sogar einer der grössten Mystiker überhaupt, Meister Eckhart, landete wie viele seiner Mitbrüder beinahe auf dem Scheiterhaufen.

Echte Mystiker sind bescheidene Menschen, die das Auffallen meiden, deshalb werden sie sehr oft von der Allgemeinheit gar nicht wahrgenommen, obwohl sie uns oft Nachrichten von Gott aus erster Hand vermitteln. Unsere laute und stressige Gesellschaft ist leider immer weniger sensibel, derartige Menschen zu erkennen, noch ihren tatsächlichen Wert zu wertschätzen. In den folgenden Beiträgen möchte ich einige protestantische Mystiker etwas näher vorstellen, obwohl dies in diesem Rahmen nur äusserst beschränkt möglich sein wird. Dabei werde ich mich weitgehend an die Bücher des protestantischen Pfarrers Prof. Dr. Walter Nigg halten, der es wie kaum ein anderer verstand, der modernen Gesellschaft die Welt des Geistigen und der Mystiker näher zu bringen.
Bereitgestellt: 16.07.2023